Berufspendler: Eigentlich ist alles im Lot

«Wir sind Pendler.» ist das «Wir sind Papst.» von Herr und Frau Schweizer. Ebenso gut wie wir das Pendeln beherrschen, können wir uns auch darüber aufregen. Und trotz Gejammer tun wir es weiterhin. Aber mal ehrlich, so schlimm ist das Pendeln gar nicht.

Nachdem ich mehrere Jahre zwischen Bern und Zürich gependelt bin — und übrigens trotz angeblichem Dichtestress immer locker einen Sitzplatz fand — werde ich am 28. August zum vorerst letzten Mal als «Berufspendlerin» auf dieser Strecke unterwegs sein. 

Als kleinen Rückblick verrate ich euch DIE beste Erfindung aus Sicht eines Pendlers, was so gar nicht dufte ist und am Ende hab ich noch zwei Fragen, auf die ich in meiner Zeit als Pendlerin partout keine Antwort gefunden habe. Also, los geht's: 

Die beste Erfindung: Das Ruheabteil

Für einige ist es das Internet, für andere das Rad, aber für Pendler ist die einzig wahre BESTE Erfindung das Ruheabteil. Der grösste Stressfaktor beim täglichen Pendeln sind nämlich viel weniger die Leute an sich, sondern die Hektik und der Lärmpegel. Beides hat im Ruheabteil nichts zu suchen.

Ausser, eine indische Reisegruppe verirrt sich in den Waggon und versteht leider nicht, wieso sie plötzlich so böse Blicke treffen. Diese Zugfahrt punktete zwar nicht durch Ruhe, aber durch grossartige Unterhaltung. Die Szenerie und Kommunikationsschwierigkeiten zwischen enervierten Herren im Anzug und wild um sich fuchtelnden Touristen in bunter Kleidung war herrlich.

Diese Düfte sind zum Verduften, aber schnurstracks

Der Weg bis zum Zug ist für meine Nase die grösste Herausforderung. Egal in welchem Bahnhof der Schweiz ich den Zug besteige, irgendwo auf dem Weg zum Perron muss ich mich an einem Brezelkönig vorbei schleichen. Obwohl mein Tempo mit Schleichen nicht mehr viel zu tun hat, Hasten trifft es wohl besser. Der künstliche Duft der salzigen Brezellauge «lüpft» mich allmorgendlich. Wenn es so im «Reich der Frische» duftet, dann will ich nie dorthin.

Wenn wir diese dufte Begegnung erst einmal hinter uns haben, gilt es oben auf dem Perron auch noch allen Rauchern mit Energy-Drink auszuweichen, bevor dann die Rettung in Form des einfahrenden Zuges naht. Schliesslich hat man als Pendler das Timing mittlerweile ja optimal abgestimmt, damit die Nase nicht allzu lang diesen fiesen Pendlergerüchen ausgesetzt ist. 

Gewisse Dinge sind mir immer noch ein Rätsel

  1. «Warum syt dir so truurig?» 
    Warum tragen so viele Pendler immer dunkle Kleidung, blicken todernst, erwidern kein freundliches Grüssen oder nettes Lächeln?
     
  2. Wieso ist es so schwierig, Rollkoffer oder Regenschirme sachgemäss zu bedienen?
    Bei einigen Pendlern reduziert sich ihr IQ rasant, sobald sie Regenschirm oder Rollkoffer in der Hand halten. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, wie viele Rollkoffer ich schon auf den Füssen und wie viele Schirme in Rippe, Bein und Rücken hatte. Meine Damen und Herren, es kann doch wirklich nicht so schwer sein, oder?

Gewisse Dinge werde ich bestimmt nicht vermissen, dennoch habe ich jede Minute im Zug geschätzt. Es ist Zeit, die zwar fix verplant ist, aber die dennoch genutzt werden kann. Nein, es ist nicht verlorene Zeit. Die Stunde im Ruheabteil war für mich immer sehr kostbar. Ich nehme mir daher auch fest vor, im Alltag weiterhin eine Stunde «Zeit für mich» zu blockieren. Nur werde ich zukünftig nicht nur die inhaltliche sondern auch die räumliche Freiheit haben, zu tun und lassen was ich will.  

Beim Pendeln kommt es also ganz darauf an, wie man der Sache selber gegenübersteht und ob man damit im Lot ist. Wer mit dem Pendeln unglücklich ist, sollte sich vielleicht besser mal auf den Weg zum Glück machen. Die Wegweiser dazu gibt es übrigens in der Glüxbox